Im Geheimdienst seiner Majestät


Manchmal stößt der Familienforscher auf außergewöhnliche Ereignisse der Zeitgeschichte. Wenn dann auch noch ein Familienmitglied involviert war, beginnt eine spannende Reise in die Vergangenheit. Das diese Ereignisse nicht immer nur positive Beweggründe und Nachwirkungen hatten, soll die folgende Geschichte zeigen. Unser Jim hätte seine wahre Freude daran gehabt.

Die Auswanderung

Ursprünge im Gothaer Land

Seit über 125 Jahren erforscht der HERRMANN´sche-Familienverband aus Nauendorf und Gräfenhain nach seinen Wurzeln im Gothaer Land und seinen Familienmitgliedern in der ganzen Welt. Viele unserer Familienmitglieder sind ihrer thüringischen Heimat treu geblieben, einige hat es jedoch weit über die Landesgrenzen hinaus verschlagen. Mittlerweile können wir an die 1.500 Namensträger unserem Familienverband zuordnen. Die im Weiteren beschriebenen Personen gehören zum Stamm DIV.

Auf der Suche nach unseren ausgewanderten Verwandten stieß ich vor einigen Monaten auf die Familie von Carl Friedrich HERRMANN. Er war ein Enkel des um 1765 nach Bederkesa ausgewanderten Gräfenhainer Metzgers Johann Christoph HERRMANN. Carl Friedrich hatte vier Kinder, von denen das älteste, die Tochter Anna Maria Wilhelmina bereits im frühen Kindesalter verstarb. Die drei Brüder Johann Nicolaus, Carl Heinrich und Fritz Dietrich mussten größtenteils ohne ihren Vater aufwachsen, er starb bereits 1860 im Alter von knapp 42 Jahren. So ist es wenig verwunderlich, dass die drei Brüder dem damaligen Zeitgeist entsprechend ihre Heimat verließen und in Amerika ihr Glück suchten.

Drei Brüder wandern aus

Johann Nicolaus wanderte am 24.08.1867 über Bremerhaven nach New York aus. Sein Bruder Carl Heinrich folgte ihm vier Jahre später und kam am 01.07.1871 in New York an. Im August 1875 wanderte dann auch Fritz Dietrich aus. Die Mutter Christine Wilhelmine VOLCKMANN blieb allein in der Heimat zurück und verstarb am 05.03.1916 in Lehe bei Bremen. Sie sollte kurz vor Ihrem Tod noch einmal Besuch von ihrem Enkel DIV205 Frederick Laurent aus Amerika bekommen. Dazu aber später mehr.

Die drei HERRMANN-Brüder fanden wohl zunächst eine Unterkunft bei dem bereits ausgewanderten Onkel mütterlicherseits August Friedrich VOLCKMANN in 119 Henry St., Brooklyn, Kings County, New York. Dieser betrieb dort eine Spirituosenhandlung. Carl Heinrich blieb den Rest seines Lebens in New York und arbeitete in Manhattan als Barkeeper und Händler, später als Portier oder Gepäckträger. Er nennt sich fortan Charles Henry und heiratet am 19.06.1884 Emilia Antoinette JURGES. Ein paar Monate später, am 14.10.1885 wird er eingebürgert und stirbt am 23.09.1922 in 227 W 145th St. E., Manhattan, New York City. Kinder des Paares konnte ich bislang noch nicht ermitteln. Der jüngste Bruder Fritz Dietrich kommt im August 1875 an und läßt sich am 19.10.1882 in Brooklyn, New York einbürgern. Zu der Zeit wohnte er 249 E. 117th St., New York City. Fritz finden wir Jahre später 1905 in Roselle Park, Union County, New Jersey. Dort arbeitet er ebenfalls als Barkeeper. Eine eigene Familie gründete er scheinbar nicht.

Anna Augusta RULLMANN und Johann Nicolaus HERRMANN (Bildquelle: Patti Sudzina)

Mit Johann Nicolaus wird die HERRMANN-Geschichte in den USA fortgesetzt. Um 1890 heiratet er Anna Augusta „Gussy“ RULLHAUSEN, Stieftochter von August Friedrich VoLCKMANN. Die kleine Familie wohnt zunächst in Brooklyn, Kings County, New York. Um 1897 siedeln sie in das nahgelegene New Jersey um. Am 10.02.1923 stirbt Johann Nicolaus im Alter von 70 Jahren in Roselle Park, Union County, New Jersey. Er wird wie die meisten Angehörigen der VOLCKMANN-Familie jedoch auf dem Green-Wood Cemetery (einer der größten Friedhöfe weltweit) in Brooklyn beigesetzt. Dass Sterbe- und Begräbnisort durchaus auch weiter entfernt liegen können, ist in den
USA nicht unüblich.

Die zweite Auswanderer-Generation

Von den Kindern des Johann Nicolaus HERRMANN haben wir bisher einige wenige Informationen. Die ersten Söhne DIV201 Carl Frederick (1892-1892), DIV203 John bzw. Edwin Augustus Ruhlhausen HERRMANN (1893-1987), DIV205 Fred Laurent (1895-1969) und DIV208 John Nicholas jr. (1896) kommen in Brooklyn, Kings County, New York zur Welt. Im Census (Volkszählung) von 1900 wird als Adresse das Union Township, Union County, New Jersey angegeben. Johann Nicolaus ist 47 Jahre alt und hat 5 (lebende) Kinder. In den Volkszählungen 1905, 1910 und 1915 finden wir die Familie dann in Roselle Park, Union County, New Jersey. Dort werden DIV207 Marie C. (1898) und DIV209 Carl William (1899) geboren.

DIV203 Edwin HERRMANN lebte bis 1987 in Roselle, Union County, New Jersey, wo er im biblischen Alter von 94 Jahren starb. Dessen acht Kinder (drei Töchter und fünf Söhne) sind zwischen 1921 und 1942 in Roselle geboren. 1942 wohnte die Familie in 481 Robins St., Roselle. DIV206 Hermann und DIV207 Marie C. sterben wohl bereits im Kindesalter, in späteren Volkszählungen werden sie nicht mehr aufgeführt. John jun. arbeitet in den 1920ern in einem Café und Carl William ist Student, später Angestellter.

Bomben und Bakterien

DIV205 Fred Laurent HERRMANN (Bildquelle: US Passport Applications 1795-1925, Roll 0231)

Ein jüngerer Bruder von DIV203 Edwin war DIV205 Frederick „Fritz“ Laurent, um den es hier etwas ausführlicher gehen soll. Fred wurde am 10.09.1895 in Brooklyn geboren und wuchs später mit seinen Geschwistern in Roselle Park, New Jersey auf. Beschrieben wird er als blonder, blauäugiger, schlanker Mensch, 6 Fuß und 1 1/2 Zoll groß. Er arbeitet bis Kriegsbeginn bei einer Import-/Export-Firma, danach ist er arbeitslos. Er lässt sich am 12.01.1915 einen Reisepass auf den Namen Fred L. Herrmann ausstellen und macht sich noch im Januar auf die Reise nach Deutschland, um dort seine Großmutter Christine in Bederkesa zu besuchen.

From Germany with love

Auf der Schiffsreise mit der „Ryndam“, die über Rotterdam führt, lernt er angeblich William KOTTKAMP (alias Paul VON DALEN oder DAELEN), einen deutschen Marine-Nachrichtenoffizier kennen. Dieser wirbt ihn für den Nachrichtendienst der kaiserlichen Admiralität an. Im Anschluss unternimmt er seine erste, zweimonatige Spionagereise nach Großbritannien. Dort soll er vor allem die Flottenbewegungen der britischen Marine ausspionieren. Mit der „St. Paul“ reist er am 10. April 1915 von Liverpool kommend zurück und kommt am 19. April in New York an.

Kurz darauf folgte eine weitere Reise nach Europa. Über Holland gelangt er nach Berlin, um im Juni 1915 wieder über Holland in die USA zurückzukehren. Am 23.06.1915 erhält er einen neuen Pass, mit dem er erneut nach Großbritannien reist. Zur Tarnung schreibt er sich als Student der Forstwirtschaft an der University of Edinburgh ein. Im Dezember 1915 wird er von Scotland Yard oder dem Secret Service enttarnt und in die USA abgeschoben. Er bleibt daraufhin zwei Wochen in New York, um sich dann mit dem Dampfer „Kristianafjord“ nach Bergen in Norwegen zu begeben. Auf dieser Reise trifft er auf den deutschen Agenten Anton DILGER, der im weiteren Verlauf von Freds Lebensgeschichte eine Rolle spielen sollte. ohne von der jeweiligen Spionagetätigkeit des anderen zu wissen, werden beide Freunde.

In Kopenhagen, dass beide im gleichen Zug erreichen, treffen Fred HERRMANN und Anton DILGER erneut aufeinander. Dort im Büro des deutschen Handelsattaché Kapitän zu See Wilhelm BARTLING, das gleichzeitig dem militärischen Nachrichtendienst dient, erfahren beide von der wahren Identität des anderen. Gemeinsam reisen sie dann nach Berlin, um sich dort mit Hans MAGUERRE, Rudolf NADOLNY und Paul HILKEN von der Abteilung III b Sektion P zu treffen. Fred HERRMANN wechselt damit auch vom Marine-Nachrichtendienst zum Nachrichtendienst des Feldheeres. Hierbei wird vor allem über die Sabotage
gegen die damals noch neutrale USA gesprochen. Mögliche Ziele wie das E-Werk der Niagara-Fälle oder die Ölfelder von Tampico wurden diskutiert. Nach ein paar Tagen wurde Fred HERRMANN mit zwei Kisten mit je 30 „pencil bombs“ (Weiterentwicklung der cigar bomb) in die USA geschickt.

In Kopenhagen, dass beide im gleichen Zug erreichen, treffen Fred HERRMANN und Anton DILGER erneut aufeinander. Dort im Büro des deutschen Handelsattaché Kapitän zu See Wilhelm BARTLING, das gleichzeitig dem militärischen Nachrichtendienst dient, erfahren beide von der wahren Identität des anderen. Gemeinsam reisen sie dann nach Berlin, um sich dort mit Hans MAGUERRE, Rudolf NADOLNY und Paul HILKEN von der Abteilung III b Sektion P zu treffen. Fred HERRMANN wechselt damit auch vom Marine-Nachrichtendienst zum Nachrichtendienst des Feldheeres. Hierbei wird vor allem über die Sabotage gegen die damals offiziell neutrale USA gesprochen. Mögliche Ziele wie das E-Werk der Niagara-Fälle oder die Ölfelder von Tampico wurden diskutiert. Nach ein paar Tagen wurde Fred HERRMANN mit zwei Kisten mit je 30 „pencil bombs“ (Weiterentwicklung der cigar bomb) in die USA geschickt.

Mit der „Nieuw Amsterdam“ reist er ab Falmouth am 07. Januar 1916 wieder nach New York, wo er am 16. Januar 1916 ankommt. Schon kurz darauf finden wir eine weitere Schiffspassage. Am 24. Februar 1916 geht Fred in Bergen (Norwegen) an Board der „Kristianafjord“ und trifft am 7. März 1916 in New York ein.

Im April 1916 erreicht Fred HERRMANN Baltimore. Am 09. April trifft er sich mit Friedrich HINSCH und Paul HILKEN in dessen Büro im 3. Stock des Hansa-Hauses, um seine weitere Rolle in der Operation abzustimmen. Fred betonte, dass er unabhängig operieren, dennoch kooperativ mit ihnen zusammenarbeiten würde. Sie waren sich einig, dass es eine gute Idee wäre, dass Fred zusammen mit Anton DILGERs Bruder Carl im Labor („Tony´s Lab“) in Chavy Chase, Maryland (rund 6 Meilen von Washington D.C. entfernt) arbeitet. Hier wurde vor allem an der Vermehrung von Milzbrand-Bakterien (Bacillus anthracius) und
Glanders (Burkholderia mallei). Die Kulturen stammten aus dem Deutschen Kaiserreich und wurden von Anton DILGER in die USA geschmuggelt. Hiermit sollte der Nachschub an Pferden und Maultieren gestört werden. Sicherlich hatte man für Kavallerie in den Grabenkriegen der Westfront nur wenig Verwendung, für den Nachschub und für die Artillerie waren sie als Zugtiere jedoch von großer Bedeutung. Insgesamt wurden im 1. Weltkrieg rund 6 Mio. Pferde und Maultiere eingesetzt.

Carl DILGER war starker Alkoholiker und sein Bruder Anton DILGER befürchtete, dass er somit schnell die „Baltimore cell“ auffliegen lassen könnte. So war es zum Vorteil, dass Fred ein Auge auf Carl werfen konnte. HILKEN sprach später gegenüber der Mixed Claims Commission, dass die Sabotage seit der Ankunft von Fred mit größerer Intensität anlief. Am 13. April, kurz nachdem Fred HERRMANN die Arbeit im Tony´s Lab aufgenommen hatte, flog der New Yorker Sabotagering um Franz VON RINTELEN auf. Eine Bomben-Werkstatt im Maschinenraum des Schiffes „Friedrich der Große“ wurde ausgehoben und vier deutsche Seeleute wurden zusammen mit einigen anderen Mitgliedern des Bombenrings inhaftiert. Damit endeten vorerst die Sprengstoffanschläge auf Schiffe im New Yorker Hafen. In diesem Zusammenhang wurden die deutschen Diplomaten Franz VON PAPEN und Karl BOY-ED ebenfalls ausgewiesen.

Die Schlagzeilen in der New York Times am 14. April 1916 alarmierten zwar HILGEN und HINSCH. Aber die Baltimore-Zelle operierte unabhängig von der New Yorker Zelle. Auch war sie nicht direkt von dieser
abhängig, ihren Sprengstoff produzierten sie ja selbst. Dennoch war es wichtig, kein Aufsehen zu erregen. In dieser Zeit begannen HINSCH und Fred HERRMANN eine Liste von Zielobjekten aufzustellen und die wichtigsten davon aufzusuchen. Zwei davon waren das Black Tom Munitions-Depot in Jersey City sowie die Munitionsfabrik bei Kingsland, Bergen County, New Jersey.

Die Explosionen von Black Tom und Kingsland

Zunächst schauten sie sich auf Black Tom Island um, eine kleine Insel im New Yorker Hafen am Strand von New Jersey. Die Insel war zunächst nur über einen Damm und eine Bahnlinie mit dem Festland verbunden, Ende des 19. Jahrhunderts schüttete die Lehigh Valley Railroad jedoch den Damm auf, so dass die Insel direkt mit dem Festland von Jersey City verbunden war. Nur ein halbes Dutzend schlecht bezahlter Wachleute, deren hauptsächliche Aufgabe es war, nach Feuer zu sehen, sowie eine Handvoll Privatdetektive bewachten nachts das Depot.

Black Tom Island (Bildquelle: Spielmann & Brush [Public domain], via Wikimedia Commons)

Der zweite Ort, den sie besuchten war die Munitionsfabrik bei Kingsland. Während Black Tom nicht wirklich geschützt war, erforderte Kingsland weit mehr an Vorbereitung und Planung. Das Schutzniveau war hier wesentlich höher. In Kingsland befand sich eine (kanadische) Munitionsfabrik, die von rund einhundert anderen Fabriken mit Komponenten beliefert wurde. Die Fabrik war so groß, dass pro Monat mehrere Millionen Granaten produziert werden konnten. Der größte Teil davon ging ins russische Zarenreich. In Kingsland gab es einen sechs Fuß hohen Zaun rund um das Gelände sowie einen Wachdienst, der rund um die Uhr das Gelände bewachte. An den Toren wurden die 1.400 Arbeiter mittels nummerierten Marken identifiziert.

Nachdem HINSCH und Fred HERRMANN die beiden Zielorte besichtigt hatten, teilten Sie die Liste in zwei Hälften. HINSCH bekam die mit Black Tom, auf der Liste von Fred HERRMANN stand unter anderem Kingsland. Zwischenzeitlich stellte Fred HERRMANN, nachdem Carl DILGER mehr und mehr zu einem Risiko geworden ist, Milzbrandbakterien und Glanders allein her. Carl wurde nach Deutschland geschickt, um ein Päckchen bei Hans MAGUERRE und Rudolf NADOLNY abzuliefern. Im Päckchen war ebenfalls eine Nachricht enthalten, worin Carl DILGER als Sicherheitsrisiko dargestellt wurde. Der Plan ging nicht auf, Carl DILGER warf das Päckchen während einer Kontrolle durch die Briten bei Kirkwall ins Meer. Im Juli 1916 kehrte Carl DILGER zur Überraschung von HINSCH und HILGER zusammen mit einer neuen Ladung Milzbrand- und Glanders-Bakterien nach Baltimore zurück.

Die Black-Tom-Exploision

Am 30.07.1916 nachts um 02:08 uhr wurde die New York City von der gewaltigsten Explosion in ihrer bisherigen Geschichte erschüttert. Die über zwei Millionen Pfund Munition (ein Großteil davon gehörte bereits dem russischen Zarenreich), die im Black-Tom-Depot gelagert waren, detonierten in einer Serie von Explosionen. Zwei der Detonationen waren bis Philadelphia und Camden, beide Städte liegen an die 100 Meilen entfernt, noch gehört. Die Erschütterungen erreichten eine Stärke von 5 bis 5,5 auf der Richter-Skala. Die Explosionen zerstörten nahezu jedes Fenster in Jersey City. Auch in Manhattan und Brooklyn fielen tausende schwere Glasscheiben von den Häusern und Wolkenkratzern auf die Straßen. Für Stunden war der Himmel vom Feuer auf Black Tom erleuchtet.


View of the Lehigh Valley pier after explosion, Bildquelle: The New York Herald [Public domain], via Wikimedia Commons)

Drei Stunden lang flog ein ständiger Strom von Granaten und Schrapnell-Geschossen durch die Luft, einige davon landeten sogar auf der weit entfernten Governors Island. Die Gebäude auf Ellis Island waren ebenso betroffen, so dass alle Immigranten evakuiert werden mussten. Es muss wohl zugegangen sein wie im Grabenkrieg an der Westfront. Auch Liberty Island und die Freiheitsstatue wurden von herumfliegenden Schrapnell-Geschossen und Metallteilen getroffen. Seither ist es nicht mehr möglich, die Aussichtsplattform in der Fackel der Freiheitsstatue zu betreten. Der Gesamtschaden wurde auf 14 bis 20 Mio. $ (nach heutigem Wert ca. 400 bis 500 Mio. $) beziffert und es kamen mindestens drei Männer und ein Kind ums Leben.

Pier, Jersey City after munitions explosion LOC 14687235026 (cropped)

Pier, Jersey City after munitions explosion (Bildquelle: LOC 14687235026, The Library of Congress [Public domain], via Wikimedia Commons)

Zerstörung der Munitionsfabrik Kingsland

Am 11. Januar 1917 nachmittags erschütterte eine weitere Explosion die Gegend um New York, rund eine halbe Million Granaten detonierten in der Nähe von Kingsland, Bergen County, New Jersey, rund 10 Meilen von den New Yorker Häfen entfernt. Die Munitionsfabrik gehörte der Canadian Car and Foundry Company, die dort rund 3 Mio. Granaten pro Monat zusammenbaute. Glücklicherweise waren die meisten produzierten Granaten noch nicht mit Zündern bestückt, so dass sie nicht explodierten. Die Munitionsfabrik war jedoch zerstört, es entstand ein Schaden von 17 Millionen $. Erst am 06.04.1917 erklärten die Vereinigten
Staaten aufgrund der Wiederaufnahme des uneingeschränkten u-Boot-Kriegs dem Deutschen Kaiserreich den Krieg. Damit handelte es sich also bei den Anschlägen um Aktionen gegen einen neutralen Staat. An den beiden Anschlägen war Fred L. HERRMANN wohl nur indirekt beteiligt, zumindest gehen aber Vorbereitung und Planung auf sein Konto.

Flucht und Rückkehr

Fred L. HERRMANN setzte sich bereits Anfang 1917 nach Kuba ab. Von dort aus ging er im April nach Mexico, wird dort aber vom deutschen Gesandten VON ECKARDT abgewiesen. Nach Kriegsende geht er nach Chile und war zuletzt bis Mitte Juli 1929 Angestellter der National City Bank in Santiago de Chile.

In Chile heiratete er Corina Esperanza MACKERS und eines seiner drei Kinder wird dort geboren. Ende der Zwanziger bekommt er immer mal wieder „Besuch“ von den Ermittlern der Mixed Claims Commission, die von seiner Mittäterschaft erfahren haben. Die Ermittler hatten seinen jüngsten Bruder Carl William in Roselle aufgesucht, um seinen Aufenthaltsort zu erfahren. Fred streitet zunächst alles ab und macht später gegenüber der Commission mehrfach widersprüchliche Aussagen. Eine Nachricht, die Fred mit Geheimtinte aus Zitronensaft 1917 aus Mexiko schickte, wird im Rahmen der Untersuchungen von Schriftsachverständigen analysiert und eindeutig ihm zugeordnet.

Wenige Jahre später reist Fred HERRMANN am 04. Oktober 1922 von Valparaíso, Chile auf der „Aconcagua“ nebst seiner damals 23-jährigen Ehefrau Corina nach New York und beide werden auf Ellis Island registriert. Als Beruf gab er „shipshandler“ an und als Ansprechpartner in Chile hatte er August Pfister, Talcahuano benannt. Corina benennt Manuel Osben (Talcahuano, Sargento Aldea). Als letzten Wohnort geben sie Talcahuano, Chile an.

Am 26. Mai 1930 reist Fred unter dem Namen Frederico HERRMANN mit dem Schiff „Lancastria“ von Le Havre, Frankreich kommend abermals zurück nach New York, die Einreisepapiere geben als Wohnort Concepción, Chile an.

Da sich Fred HERRMANN mindestens 30 Pseudonymen und Decknamen bediente, wird nicht jede einzelne Reise belegbar sein. Zumindest nicht für kleine Familienforscher wie mich. Er gehört jedenfalls zu den weitgereistesten Mitgliedern unserer Familie.

Auch das weitere Leben von Fred ist nicht in allen Details nachvollziehbar. Er wohnt spätestens ab 1940, zusammen mit seiner chilenischen Ehefrau Corina und den drei Kindern Fred Jr., John und Adriana in Westfield, Union County, New Jersey. Im Jahr 1942 wohnt er dann in Apt. 1A, 1 Meadowbrook Village in Plainfield, Union County, New Jersey und wird dort für die Einberufung zum Militärdienst registriert. Er arbeitet zu der Zeit für eine kanadische Firma in Montreal. Wir finden ihn weiterhin um 1955 in Roslyn Estates, Nassau County, New York und um 1957 in Wayne, Delaware County, Pennsylvania. Im Dezember 1969 stirbt Fred L. HERRMANN in Richmond, Virgina und wird im Januar 1970 ebenfalls auf dem Green-Wood Cemetery, Brooklyn, Kings County, New York begraben.

Nachwirkungen

Es gibt zu den Explosionen auf der Black-Tom-Insel und in Kingsland mehrere Bücher (siehe Literatur), die sich in vielen ihrer Aussagen decken, teilweise jedoch die Zusammenhänge widersprüchlich darstellen. Es ist scheinbar immer noch nicht endgültig bewiesen, wer tatsächlich hinter den Anschlägen steckt. In der Natur geheimer Operationen liegt es, dass Vieles auch weiterhin ein Geheimnis bleiben wird. Das wiederum schürt Verschwörungstheorien. Die insgesamt von der Mixed Claims Commission ausgehandelten Kompensationszahlungen von 50 – 70 Mio. $ zahlte die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolger des Deutschen Kaiserreichs von 1953 bis in die 1970er Jahre zurück.

Eine kleine Ironie der Geschichte ist es wohl, dass DIV220 Frederick Nicholas, der älteste Sohn von Fred Laurent, während des 2. Weltkriegs in einem Pionierbattailon (270th Engineer Combat Battalion) diente. Er leitete ein Drei-Mann-Spreng-Team, deren Aufgabe es neben der Sprengung von Gebäuden auch war, deutsche Minen und Sprengladungen zu entschärfen. Somit konnte der Weg für die Alliierten nach Deutschland freigemacht werden, andererseits wohl auch so manche Brücken und Bauwerke der Nachwelt erhalten bleiben.

Es ist nicht an uns, das Geschehene zu bewerten, wir leben in einer völlig anderen Zeit. Genealogie bzw. Geschichte im Allgemeinen sind jedoch dazu da, aus Fehlern unserer Vorgänger zu lernen.

Literatur

  • Doley, John F.; Codes, Ciphers and Spies: Tales of Military Intelligence in World War I; Springer International Publishing Switzerland; 2016; ISBN 978-3-319-29414-8
  • Landau, Capt. Henry; The enemy within, The inside Story of German Sabotage in America; G.P. Putnam´s Sons, 1937
  • Messimer, Dwight D.; The Baltimore Sabotage Cell, German Agents, American Traitors, and the U-Boat Deutschland during World War I; Naval Institute Press; Annapolis, Maryland; 1937; ISBN 978-1-59114-184-6
  • Millman, Chad; The Detonators: A secret plot to detroy America and an epic hunt for justice, Little, Brown and Company; New York; 2006; ISBN 978-0-316-07662-3
  • Roewer, Helmut; Kill the Huns – Tötet die Hunnen: Geheimdienste, Propaganda und Subversion hinter den Kulissen des Ersten Weltkriegs; Ares Verlag GmbH; Graz; 2014; ISBN: 978-3-902732-27-9
  • Wikipedia https://en.wikipedia.org/wiki/Black_Tom_explosion
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